Die heilige Katharina von Siena (1347-1380) und ihre Zeit

(Fortsetzung, 3.Teil)

In dem schon erwähnten, von Katharina in Ekstase diktierten „Dialog“ spricht Gott im siebten Abschnitt: „Wenn die Seele mich liebt, liebt sie auch den Nächsten, … denn die Liebe zu mir und die Liebe zum Nächsten sind nur eine. Je mehr eine Seele mich liebt, desto mehr liebt sie auch den Nächsten. Dies gibt euch (Menschen) Gelegenheit zur Tugendübung. Mir kann eure Tugend nicht nützten, aber dem Nächsten soll sie zugutekommen. Die Seele, die meine Wahrheit liebt, ist unaufhörlich den anderen nützlich … Es wäre mir ein Leichtes gewesen, jedem zu geben, was er für seine Seele und seinen Körper braucht; aber ich habe gewollt, dass die Menschen sich gegenseitig bedürfen … um der Nächstenliebe willen habe ich die Verschiedenheit der Stände und der menschlichen Beziehungen angeordnet…; wer die Liebe besitzt, erweist mit Freuden dem Nächsten jeglichen Dienst, der in seinen Kräften steht. Wird die Liebe nicht um meinetwillen geübt, so ist sie nicht verdienstlich im Reiche der Gnade“ (Riesch, a.a.O., S. 55f.).
Jesus Christus, der Katharina lange Zeit vom Trubel der Welt weggeführt, sie in der Stille belehrt und durch außergewöhnliche Gnadengaben und Siege in manchen Kämpfen gestärkt hatte, rief sie jetzt zu neuen Aufgaben in die Welt zurück. Als Er sie wieder einmal über das Reich Gottes belehrt und mit ihr dann, wie schon erwähnt, die Psalmen des Stundengebetes rezitiert hatte, forderte Er sie auf, sich wieder an den Mahlzeiten ihrer Familie zu beteiligen: „’Geh nun, es ist Essenszeit, und deine Familienangehörigen wollen zu Tisch gehen. Geh und bleib bei ihnen, dann komm wieder zu Mir zurück.’ Als sie das hörte, brach sie in … Tränen aus und sagte: ‚Warum, lieber Herr, schickst Du mich Unglückliche von Dir weg? … Was kümmert mich jenes Essen? … Lebt denn der Mensch allein vom Brot? Wird nicht vielmehr die Seele jedes Erdenpilgers lebendig werden durch das Wort, das aus Deinem Munde kommt? Ich habe – Du weißt es besser als ich – jeden Umgang mit Menschen gemieden, um Dich, meinen Herrn und Gott, finden zu können. Und jetzt habe ich Dich durch Dein Erbarmen gefunden und durch Deine Gunst und Gnade halte ich Dich, so unwürdig ich auch bin, mit Freude fest. … Niemals, o Herr, … möge die unermessliche Vollkommenheit Deiner Güte mir oder einem anderen etwas befehlen, was die Seele von dieser Deiner Güte trennen könnte! ’“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 169f.). Katharina warf sich dabei dem Herrn zu Füßen.
Da entgegnete ihr der Herr: „‚Lass nur …, denn so sollst du die Gerechtigkeit ganz erfüllen, damit du durch Meine Gnade nicht nur für dich, sondern auch für andere fruchtbringend wirst. Ich will dich durch die Nächstenliebe noch fester an Mich binden… Du sollst daran denken, dass Ich dir schon von deiner Kindheit an den Eifer um das Heil der Seelen ins Herz gepflanzt… habe… Darum hast du ja auch das Kleid, das du jetzt trägst, mit der ganzen Glut des Herzens ersehnt… Dominikus… hat doch vor allem durch seinen Eifer um die Seelen den Orden gegründet…’
Jene aber sprach …: ‚Nicht mein Wille geschehe, sondern in allem der Deine. Ich bin Finsternis, Du bist das Licht… Du… bist die Weisheit Gottes, Deines Vaters. Doch wenn es nicht zu kühn ist… : Wie kann das, was Du soeben gesagt hast, geschehen, nämlich dass ich den Seelen nützlich sein kann? Ich bin doch eine armselige, in jeder Hinsicht gebrechliche Frau… und es geziemt sich nicht, dass mein Geschlecht mit dem anderen Geschlecht Umgang hat…’“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.171).
Jesus antwortete ihr mit dem Wort des heiligen Erzengels Gabriel, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. „’Bin nicht Ich derjenige, der das Menschengeschlecht geschaffen und beide Geschlechter geformt hat? Gieße ich Meine Gnade nicht dort aus, wo Ich es will? … Weil Ich aber weiß, dass du nicht aus Unglauben, sondern aus Demut so sprichst, sollst du wissen: In dieser Zeit hat der Stolz vor allem derer, die sich für gebildet und weise halten, in einem Maß zugenommen, dass Meine Gerechtigkeit sie nicht mehr länger ertragen kann … Um ihr unbesonnenes Tun zu beschämen, werde ich Frauen zu ihnen senden, die … unwissend und schwach sind, von Mir aber mit göttlicher Kraft und Weisheit ausgestattet werden. Wenn sie dadurch zur Selbsterkenntnis und Demut gelangen, will Ich Meine volle Barmherzigkeit über sie ausgießen … Gehorche Mir also jetzt ohne Zaudern …., denn ich werde dich nie verlassen... Auch in Zukunft werde Ich … dich in der gewohnten Weise … besuchen und dich in allen Aufgaben … leiten.’
Als die heilige Jungfrau diese Worte vernommen hatte, neigte sie sich… voll Ehrfurcht vor dem Herrn; dann verließ sie eilends ihre Zelle… und setzte sich mit den anderen zu Tisch, um das Gebot des Erlösers zu erfüllen“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.171ff.).
Katharinas Biograph und Beichtvater Raimund von Capua bemerkt in seinem Bericht, dass er beim Schreiben oft das Gefühl hatte, dass Katharina selbst wieder bei ihm anwesend war und ihm auch viele Worte wieder in Erinnerung rief, so dass er sie nun ziemlich genau und glaubwürdig wiedergeben konnte. Vieles hat ihm Katharina selbst erzählt und mitgeteilt. Die Worte Christi oder auch das, was Katharina Ihm antwortete, sind also nicht nur Auslegung oder Ausschmückung des Biographen, sondern gut bezeugt und möglichst unverändert aufgeschrieben worden. Und dort, wo Raimund etwas berichtet, das er nicht selbst miterlebt oder direkt von Katharina gehört hatte, führt er in seinen Berichten immer genau an, woher er das Berichtete erfahren hat und wie vertrauenswürdig diese Personen sind, die es ihm übermittelten.
Das Zögern und die Art der Übernahme des Auftrages Christi durch die Heilige machen deutlich, dass ihr öffentliches und kirchenpolitisches Wirken nicht eine Art Auflehnung gegen die gottgewollte Ordnung oder ein „Ausbrechen“ im Sinn einer Verweigerung ihrer gesellschaftlichen Rolle als Frau darstellte, wie es heute manchmal interpretiert wird. Das Motiv ihres Handelns, das auch von ihren Mitmenschen durchaus erkannt und anerkannt wurde, war vielmehr ein gehorsames Mitwirken mit der Gnade Gottes zur Überwindung der Not ihrer Zeit. Dass Katharina und auch viele andere heiligmäßige Frauen im christlichen Mittelalter so viel Anerkennung und so viel Zustimmung unter ihren Zeitgenossen gefunden haben, macht deutlich, wie offen das Mittelalter, das ja auch von einer tiefen Marienliebe geprägt war, für die Stimme und das Wirken der Frau war und wie sehr der Blick auf Christus selbst vor jeder anmaßenden oder überheblichen Zurückweisung von Kleinen, Armen oder Ungebildeten schützt!
Katharina übernahm zunächst viele Tätigkeiten der Dienstboten im Haus, widmete sich aber mehr und mehr auch den leiblichen wie geistigen Werken der Barmherzigkeit an Notleidenden. Zugleich mit diesen äußeren Tätigkeiten wuchs in ihr die innere Verbindung mit Jesus Christus und vor allem ein besonderes Verlangen, Jesus in der heiligsten Eucharistie so oft wie möglich zu empfangen.
So blieb sie trotz aller weltlichen Aufgaben stets mit ihrem Bräutigam Jesus Christus im Herzen verbunden, ja immer öfter kam sie in einen Zustand der Entrückung, sobald sie an Ihn dachte. Sie verharrte oft sogar Stunden mit geschlossenen Augen in Ekstase, war dabei völlig unbeweglich und besonders an den Gelenken starr. Es kam vor, dass sie, je nachdem, wo sie gerade vorher tätig gewesen war, sogar ins Feuer fiel und stundenlang auf glühenden Kohlen ruhte, bis sie jemand fand. Weder an den Kleidern noch am Körper waren Verbrennungen zu erkennen. Man kann diese Ekstasen also nicht rein psychologisch erklären, sondern vielmehr wohl nur als übernatürliche Zustände. Einmal lehnte sie in der Kirche am unteren Teil einer Säule, auf der Heiligenfiguren standen, als während einer Ekstase dort eine brennende Kerze auf sie herabfiel und dann auf ihrem Kopfschleier weiterbrannte, bis dass das Wachs aufgebraucht war und das Feuer erlosch, ohne dass die Jungfrau oder der Schleier nur im Geringsten Schaden davon getragen hätten.
Auch sonst wurde sie immer wieder, besonders wenn sie segensreich für die Seelen gewirkt hatte, von einer geheimnisvollen Macht ins Feuer gestoßen, ohne jedoch die geringsten Verbrennungen zu erleiden. „Habt doch keine Angst, es ist Malatasca!“ (=böse Tasche), sagte sie dann, womit sie den Teufel bezeichnete (vgl. a.a.O., S. 180f.), dem sie wie später auch der Pfarrer von Ars eine Art Spitznamen beilegte (dieser nannte Satan meist einfach nur „Haken“).
Obwohl die heilige Katharina letztlich nur dem dritten Orden angehörte, also nicht so streng wie die eigentlichen Ordensmitglieder des männlichen und weiblichen Zweigs der Dominikaner gebunden war, erfüllte sie doch aus eigenem Entschluss die drei Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Enthaltsamkeit. Sie besaß somit persönlich überhaupt nichts, was sie anderen und besonders auch Armen hätte schenken können. Deshalb bat sie ihren Vater, nach ihrem Gewissen Almosen verteilen zu dürfen. Der Vater erlaubte ihr dies in großherziger Weise, ja er gebot sogar den anderen Familienmitgliedern, sie nicht daran zu hindern, von der Habe im Haus für die Armen zu nehmen. Katharina gab reichlich, nicht willkürlich oder beliebig, sondern vor allem an diejenigen, von denen sie wusste, dass sie der Hilfe bedurften, auch wenn sie nicht darum baten. „So wie einst der heilige Nikolaus sammelte sie in aller Frühe Getreide, Wein, Öl … und ging ganz allein zu den Haustüren jener Armen… Sie legte alles im Hauseingang nieder, zog hinter sich die Tür zu und stahl sich heimlich wieder fort“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.184).
Ihre christliche Bereitwilligkeit, den Armen mitzuteilen, offenbarte sie auch, als einmal in der Kirche der Predigerbrüder (Dominikaner) ein Bettler an sie herantrat, der sie um der Liebe Christi willen bat, ihm in seiner Notlage zu helfen. Da sie nichts bei sich hatte, was sie ihm hätte geben können, sagte sie zu ihm, er solle warten, damit sie zu Hause etwas für ihn holen könne. Als der Bettler meinte, er könne nicht so lange warten, fiel ihr ein, dass an ihrem Paternoster (so nannte man damals eine Perlenschnur, an der man eine gewisse Anzahl von Wiederholungen des Herrengebetes abzählte, die also eine Vorform des heute bekannten Rosenkranzes darstellte) ein silbernes Kreuz befestigt war. Sie löste es ab und übergab es dem Bettler. In der folgenden Nacht erschien ihr der Herr und hielt in Seinen Händen das kleine silberne Kreuz, nun aber mit kostbaren Perlen geschmückt, und sagte: „Gestern hast du es Mir in deiner mildtätigen Freigebigkeit geschenkt. Diese Liebe wird durch die kostbaren Steine bekundet… An dem Tag, an dem Ich dem Vater das Erbarmen und das Gericht verkünden werde, werde ich das Werk des Mitleids, das du an mir begangen hast, nicht verheimlichen und nicht erlauben, dass es verborgen bleibt“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.187).
Ein anderes Mal kam, als sie eben ihren Platz in der Kirche verlassen hatte und nach Hause zurückgehen wollte, wieder ein armer, halbnackter, fremder Mann auf sie zu und bat um ein Almosen, damit er sich bekleiden könne. Katharina ging in eine Seitenkapelle zurück, streifte mit Hilfe einer Mitschwester, die noch bei ihr war, sittsam ihr ärmelloses Untergewand, das sie gegen die Kälte trug, ab, und schenkte es dem Fremden. Der Bettler begnügte sich aber nicht mit diesem wollenen Kleid, sondern bat auch noch um Kleidungsstücke aus Leinen. Katharina nahm ihn mit nach Hause und gab ihm Hemd und Unterkleider ihres Vaters. Als der Fremde um Ärmel bat, die ja an dem von ihr gegebenen Kleid fehlten, fand sie ein noch unbenutztes Kleid für eine Magd und trennte von dort die Ärmel ab. „Dafür, o Herrin, …möge Euch derjenige Dank abstatten, dem zuliebe ihr es getan habt; ich habe aber noch einen Freund, der im Spital liegt und ebenfalls dringend Kleider nötig hätte“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.190). Katharina entgegnete, sie habe nichts mehr, denn die anderen Kleider im Haus seien eingeschlossen, und wegen der Sittsamkeit könne sie ihm auch von ihren eigenen Kleidungsstücken, die sie anhatte, nichts mehr geben. In der folgenden Nacht erschien ihr wieder im Gebet Jesus Christus in der Gestalt jenes Bettlers, in der Hand das Gewand, das ihm die Jungfrau geschenkt hatte, geschmückt mit Perlen und kostbaren Steinen. Er sprach: „Du hast Mir gestern diese Tunika mit so großer Güte geschenkt und Meine Blöße mit solcher Liebe bekleidet, um Kälte und Schimpf von mir abzuwehren; dafür will Ich dir jetzt aus Meinem heiligen Leib ein Kleid schenken, unsichtbar zwar für die Menschen, für dich aber sichtbar und spürbar. Dein innerer und äußerer Mensch wird damit vor jeder schädlichen Kälte geschützt werden, bis er einst mit Glanz und Ehre vor den Heiligen und Engeln bekleidet werden wird… Dieses Kleid übergebe ich dir… als Zeichen und Unterpfand für jenes Gewand der Glorie, mit dem du einst im Himmel bekleidet werden wirst“ (Raimund von Capua, a.a.O., S.190f.). Dieses Kleid war in der Seele und auch für den Leib der Heiligen so wirksam, dass sie von da an selbst bei Frost im Winter nicht mehr Kleidungsstücke als im Sommer brauchte.
Katharina gab den Armen meist auch Brot, Wein und sonstige Lebensmittel. Als sie einmal merkte, dass der Wein aus dem Fass, aus dem die Familie trank, schlecht geworden war, öffnete sie ein anderes Fass und teilte davon den Armen aus. Vom Vater hatte sie ja die ausdrückliche Erlaubnis, die Güter im Hause an Arme weitergeben zu dürfen. So ein Fass Wein reichte gewöhnlich vierzehn bis zwanzig Tage für die Familie und alles Gesinde im Haus. Als die Familie nun auch den Wein aus diesem neuen Fass nahm, schenkte Katharina noch viel großzügiger davon auch den Armen, weil es nun beinahe unbemerkt geschehen konnte. Ihre Familie staunte, wie gut und wohlschmeckend der Wein in diesem Fass war. Und obwohl alle tranken und Katharina reichlich davon gab, schien der Inhalt nicht mehr abzunehmen. Mehr als zwei Monate hatten sie nun schon aus diesem Fass getrunken und die Zeit der Weinlese war gekommen. Man brauchte schon Fässer, um den neuen Wein abzufüllen. Der Kellermeister befahl, das Fass leer zu machen und für den neuen Wein vorzubereiten. Man sagte ihm, dieses Fass sei noch lange nicht leer, man habe erst am Tage zuvor eine große Flasche reinen und klaren weißen Wein daraus abgefüllt. Der Kellermeister befahl, dass man dann den noch im Fass befindlichen Wein eben in andere Gefäße umfüllen solle. Als man nun aber das vermeintlich noch gefüllte Fass öffnete, war es zum großen Erstaunen aller innen völlig trocken, als ob schon lange kein Wein mehr darin gelagert hätte. Nun wurde in ganz Siena das Wunder der Vermehrung und der auffallenden Güte des Weines bekannt, das alle Hausgenossen Katharinas miterlebt hatten.
Große Liebeswerke verrichtete Katharina auch an Kranken. Im Hospital San Lazzaro war eine arme und kranke Frau aufgenommen worden, deren Leib bald überall von Aussatz befallen wurde. Aus Furcht vor Ansteckung wollte sie nun niemand mehr pflegen, ja es war sogar üblich, solche Kranke aus der Stadt auszuweisen. Als Katharina davon erfuhr, besuchte sie diese Kranke jeden Morgen und jeden Abend, sorgte für sie und diente ihr. Leider zeigte sich die Kranke jedoch bald schon nicht mehr dankbar, sondern war oft gereizt, ja anmaßend ihrer Helferin gegenüber. Kam Katharina manchmal etwas später von der Kirche, so fragte die Kranke höhnisch, ob sie denn von den Predigerbrüdern nicht genug bekommen könne. Schließlich ließ Gott es sogar zu, dass Katharina angesteckt wurde, so dass ihre Hände auch aussätzig zu werden begannen. Sie setzte aber aus Liebe zu Jesus Christus den Dienst an der Kranken fort, bereitete sie auf einen guten Tod vor, wusch den Leib der Toten noch, obwohl er schrecklich aussah, und begrub die arme Frau nach dem Requiem mit eigenen Händen. Kaum war das Begräbnis beendet, nahm Gott den Aussatz wieder von ihren Händen, ja diese wurden jetzt sogar noch schöner als zuvor.
Katharina hatte aber auch anderes zu erdulden. In Siena lebte damals eine Schwester von der Buße des heiligen Dominikus, die sich und ihre Habe dem Haus der Barmherzigkeit zur Verfügung gestellt hatte, namens Palmerina. Leider ließ diese sich aber gegenüber Katharina von Neid und Stolz leiten. Sie konnte nicht einmal die Nennung von Katharinas Namen ertragen und setzte sie überall herab, ja sie verleumdete und schmähte sie, wo sie nur konnte. Und dies, obwohl die Mantelatinnen ein zweifaches Gelübde abgelegt hatten, nämlich auf üble Reden zu verzichten und das Ordenskleid in Ehren zu halten. Katharina suchte sie durch Güte und Werke der Demut zu besänftigen und betete für ihre Feindin inständig um Barmherzigkeit. Als Palmerina schließlich mit einer Krankheit geschlagen wurde, steigerte sich ihr Hass gegen die heilige Jungfrau noch mehr. Katharina versuchte deshalb, ihr mit guten Worten und Handlungen Liebe zu erweisen. Palmerina ließ Katharina jedoch aus ihrem Haus jagen. Nachdem die Kranke aber plötzlich ihre Kräfte fast vollständig verließen und sie dem Tode nahe war, bestürmte Katharina ihren himmlischen Bräutigam, Er möge es nicht zulassen, dass diese Seele ihretwegen im Hass verharre und so vielleicht sogar ewig verloren gehe. Drei Tage und drei Nächte rang Palmerina mit dem Tod, dann wurde ihr die Gnade verliehen, ihre Schuld einzusehen und einzugestehen, und als Katharina vom Heiligen Geist geführt in ihr Haus trat, gab ihr die Kranke durch Zeichen der Ehrerbietung und der Freude zu verstehen, wie sehr sich ihre Gesinnung geändert hatte. Sie empfing noch die heiligen Sakramente und entschlief dann mit einem zerknirschten und bekehrten Herzen aus diesem Leben.
Der Herr zeigte diese gerettete Seele dann Katharina in Schönheit und Glanz und rief sie auf, auch andere dazu zu bewegen, sich um das Heil aller Seelen zu kümmern, für die Er ja Sein kostbares Blut aus Liebe vergossen hatte. Er schenkte ihr von da an auch die Fähigkeit, die Schönheit oder Hässlichkeit der Seelen von Menschen zu erkennen, damit sie sich besser um ihre Rettung kümmern konnte. Sie sah deshalb von nun an die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, vor allem von ihrer inneren Seite, nahm Äußerlichkeiten oft kaum wahr, sprach aber gelegentlich von einem „Gestank“ der Sünde, den sie bei sittenlosen Menschen wahrnahm. Wenn solche Menschen zu ihr kamen, sagte sie ihnen, man müsse sich zuerst aus den Schlingen des Teufels befreien, bevor man über Gott reden könne, und wenn sie merkte, dass sie reuelos und hartnäckig in hässlicher Gesinnung und Sünde verharrten, zog sie sich möglichst schnell von ihnen zurück.
Doch nicht nur übernatürlichen „Gestank“ hatte sie zu ertragen. Es geschah, dass eine Schwester von der Buße des heiligen Dominikus mit Namen Andrea an der Brust an einem Krebsgeschwür erkrankte, das einen solchen Gestank verbreitete, dass keine andere Frau sie mehr pflegen konnte und wollte. Als Katharina davon erfuhr, bot sie aus Liebe zum Erlöser der Kranken ihre Dienste auf ihre freundliche und fröhliche Art an. Selbst die Kranke staunte, mit welch heiterer Miene das junge Mädchen die Arbeit tat, die doch ungewöhnliche Überwindung kostete. Eines Tages musste Katharina beinahe erbrechen, als sie den Verband wechselte. Da sprach sie zu ihrem eigenen Fleisch: „Verabscheust du etwa deine mit Christi Blut losgekaufte Schwester?“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 211), und näherte Mund und Nase so lange jener schrecklichen Wunde, bis ihr schien, der Geist habe das Fleisch in die Schranken gewiesen und den Brechreiz überwunden. Die Kranke war selbst erschrocken und rief ihr zu, sie möge sich doch nicht selbst durch diesen Gestank vergiften.
Da nun der Teufel sah, mit welchem Heldenmut die heilige Katharina die Werke der Nächstenliebe ausübte, begann er auf heimtückische Weise damit, im Herzen der Kranken allmählich eine Art Widerwillen gegen die Fürsorge der heiligen Katharina zu säen. Er reizte sie zum Zorn und zum Argwohn, ja sogar zum Hass. Grundlos verdächtigte sie Katharina eines unsittlichen Sinns und unsittlicher Taten, besonders wenn sie nicht bei ihr weilte, und verbreitete übles, haltloses Gerede über ihre Pflegerin auch in der Öffentlichkeit. Katharina musste vor den älteren Mitschwestern erscheinen, die sie nun ebenfalls mit salbungsvollen Worten kränkten und verdächtigten. Katharina konnte sich nur verteidigen, indem sie immer wiederholte: „Meine Gebieterinnen und Schwestern, ich bin durch die Gnade Jesu Christi wahrhaft Jungfrau … Glaubt mir, ich bin wirklich Jungfrau!“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 212).
Sie pflegte trotz dieser Vorfälle die Kranke weiter vorbildhaft, betete aber unter Tränen, der Teufel möge keine Macht bekommen, sie von dem Dienst abzuhalten, den sie aus Liebe zu Gott begonnen hatte. Auch der gute Ruf Mariens sei ja von Gott selbst durch die Ehe mit dem heiligen Joseph geschützt und verteidigt worden.
Da erschien ihr der Erlöser der Welt mit einer goldenen, von kostbaren Steinen geschmückten Krone in der einen Hand, mit einer Dornenkrone in der anderen, und sagte ihr, dass sie zu verschiedenen Zeiten mit jeder dieser Kronen gekrönt werden müsse. Da wählte Katharina für diese Zeit hier auf Erden den Kranz von Dornen, um Jesus gleichförmig zu werden, und drückte ihn sich selbst so fest aufs Haupt, dass sie auch nach dieser Schauung heftige Kopfschmerzen verspürte. Der Herr aber sprach zu ihr: „Wie ich zugelassen habe, dass dieses Ärgernis geschah, so kann Ich es aufs schnellste wieder beseitigen. Harre also in dem begonnenen Dienst aus und weiche nicht dem Teufel … Ich aber werde dir den vollen Sieg über den Bösen schenken“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 214).
Durch das Gerede aufgebracht, schimpfte jedoch bald auch Katharinas Mutter, obwohl sie von der Unschuld ihrer Tochter überzeugt war: „Wie oft habe ich dir doch gesagt, jener stinkenden Alten nicht länger zu dienen? Jetzt siehst du, welchen Lohn sie dir für deinen Dienst abstattet! Bei all deinen Mitschwestern hat sie deinen Ruf schändlich in den Staub gezerrt! Wenn du ihr weiterhin dienst oder dich ihr auch nur näherst, werde ich dich nicht mehr meine Tochter nennen!“ (ebd.). Katharina blieb zunächst still, fiel dann aber vor ihrer Mutter auf die Knie und sagte demütig: „Meine liebste Mutter, unterlässt es denn Gott wegen der Undankbarkeit der Menschen, täglich den Sündern Sein Erbarmen zu zeigen? Hat etwa der Erlöser, als Er am Kreuz hing, wegen der Schmähungen gegen Ihn aufgehört, der Welt Heil zu erwirken? Eure Liebe weiß: Wenn ich jene Kranke verließe, würde es keinen geben, der ihr beisteht, und so würde sie hilflos sterben. Dürfen wir die Ursache ihres Todes sein? Sie ist vom Teufel verführt worden; vielleicht wird sie jetzt vom Herrn erleuchtet werden und ihren Irrtum erkennen“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 215).
Durch diese Worte erlangte Katharina den Segen ihrer Mutter und diente der Kranken weiterhin so heiter, als ob diese nie etwas Böses über sie gesagt hätte. Da bekam die kranke alte Frau allmählich Gewissensbisse und durfte eines Tages sogar in einer Vision Katharina in himmlischem Licht und in engelhafter Majestät an ihrem Bett schauen. Das Licht erfüllte sie mit großer Wonne, aber auch mit unbeschreiblicher Trauer über ihr eigenes Fehlverhalten, so dass die Frau schließlich laut ihre schwere Schuld bekannte und Katharina unter Tränen um Verzeihung bat. Katharina aber umarmte die Kranke und tröstete sie mit den Worten: „Liebste Mutter, … ich weiß, dass der Feind des Menschengeschlechtes der Urheber all dieser Verführungen gewesen ist und Euren Sinn durch sonderbare Vorspiegelungen verwirrt hat; daher habe ich nicht Euch, sondern ihm etwas vorzuwerfen. Euch aber muss ich Dank sagen, dass Ihr wie die beste Freundin für die Bewahrung meiner Sittsamkeit gesorgt habt“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 216).
Von nun an bekannte Andrea vor allen ihre Schuld und nannte Katharina eine Heilige. Nie zuvor habe sie gewusst, was die Wonne des Herzens oder der Trost des Geistes sei, bevor sie die Jungfrau in dem himmlischen Licht gesehen habe. Katharina galt nun bei vielen als heilig; die Angriffe hatten also das Gegenteil dessen bewirkt, was der alte Feind alles Guten eigentlich beabsichtigt hatte.
Doch noch einmal entwich der Wunde - offenbar weniger aus natürlichen Gründen, sondern eher als eine von Katharina wahrgenommene Versuchung der bösen Geister - ein derartiger Gestank, dass die heilige Jungfrau fast wieder erbrechen musste. Im festen Entschluss, sich nicht von ihren Liebeswerken abspenstig machen zu lassen, trank sie darauf hin das Wasser, mit dem sie die Wunde gewaschen hatte, aus der Schüssel auf. Darauf verschwand in ihr alles, was in ihr Abscheu vor der Kranken und ihrer Krankheit verursacht hatte. Katharina bekannte später, dass sie niemals eine Speise oder einen Trank von so wunderbarem und süßem Geschmack genossen habe. Jesus erschien ihr daraufhin und sprach: „Wie du bei dieser Handlung deine Natur überwunden hast, so will Ich dir einen Trank geben, der jede menschliche Natur und Gewohnheit übersteigt“ (Raimund von Capua, a.a.O., S. 219). Er ließ sie darauf hin vom Blut aus Seiner Seitenwunde trinken und von jener Stunde an brauchte Katharina keine irdische Nahrung mehr, ja sie konnte sie gar nicht mehr genießen.
(Anmerkung: Durch eine Heiligsprechung erklärt die Kirche, dass jemand in heroischem Maße die Gebote Christi erfüllt hat. Das bedeutet aber nicht, dass jede einzelne Tat von der Kirche zur Nachahmung empfohlen wird, da auch Heilige immer nur im Rahmen der ihnen geschenkten Erkenntnis handeln können, die von Mensch zu Mensch auch verschieden sein kann. Das worauf es ankommt, ist die Liebe, mit der es getan wird).


Thomas Ehrenberger

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